Ein Blick auf eine aktuelle RKI-Studie
Als ich die aktuelle Studie des Robert-Koch-Instituts zu Barrieren der psychotherapeutischen Versorgung gelesen habe, musste ich an verschiedene Begegnungen mit Klienten in meiner Praxis denken. Menschen sitzen mir gegenüber, die seit langer Zeit spüren, dass ihnen psychologische Unterstützung helfen könnte – oder denen Ärzte, Angehörige, Freunde oder Kollegen dazu geraten haben. Und dennoch ist der Schritt in eine Therapie oder eine Beratung hinausgezögert worden.
Die neuen Daten des RKI beschreiben genau dieses Phänomen: den Moment, in dem ein Bedarf bewusst ist, aber die Inanspruchnahme dennoch ausbleibt. Die Gründe dafür sind vielfältig und zutiefst menschlich – von inneren Ansprüchen über Scham bis hin zu Unsicherheiten oder Ablehnung gegenüber einer psychotherapeutischen Behandlung. Gleichzeitig weiß ich aus meiner ambulanten Arbeit, wie sehr sich Probleme verfestigen oder ausweiten können, wenn sie zu lange allein getragen werden und Hilfe ausbleibt. Nicht alles löst sich mit der Zeit von selbst; ein Teil der Schwierigkeiten bleibt bestehen oder vertieft sich, wie es auch die psychotherapeutische Forschung seit Jahrzehnten beschreibt. Die aktuelle RKI-Studie zeigt, wie verbreitet dieses Muster leider nach wie vor ist:
42,6 % der jungen Erwachsenen gaben an, professionelle Unterstützung nicht genutzt zu haben, obwohl sie sie entweder selbst für sinnvoll hielten oder dazu geraten wurden.
Um zu verstehen, warum dieser Schritt so schwerfällt, lohnt sich ein Blick auf die fünf zentralen Barrieren, die die Studie identifiziert hat.
Fünf Barrieren, die Menschen ausbremsen können
1. „Meine Probleme sind nicht schlimm genug.“ – Die häufigste Barriere
Viele Betroffene unterschätzen die Bedeutung ihrer Beschwerden oder glauben, sie müssten „es allein schaffen“. Diese Form der Problemverharmlosung ist laut Studie die stärkste Barriere überhaupt.
2. „Wenn ich Hilfe brauche, bin ich schwach.“ – Internalisiertes Stigma
Der zweithäufigste Hinderungsgrund ist das Gefühl, der
Hilfebedarf sage etwas Negatives über die eigene Person aus.
Dieses innere Stigma wirkt oft stärker als die Angst vor der Bewertung durch andere.
3. Unsicherheit und Angst vor dem therapeutischen Setting
Ein Teil der Befragten scheut den Kontakt, weil sie nicht wissen, was sie im therapeutischen Raum erwartet – oder Angst davor haben, sich zu öffnen. Besonders Männer berichten hier erhöhte Hemmungen.
4. Sorge vor Bewertung durch andere
Auch die Angst, von außen negativ „etikettiert“ zu werden, spielt eine Rolle. Dieses öffentliche Stigma ist weniger ausgeprägt als die inneren Barrieren, wirkt aber dennoch mit.
5. Praktische Hürden – seltener als gedacht
Organisatorische Schwierigkeiten (Zeit, Anfahrt, Abläufe) werden zwar genannt, sind laut Studie aber die schwächste Barriere.
Die Studie macht deutlich:
Entscheidend sind meist die inneren Hindernisse, nicht die äußeren. Es ist nicht die Schwere der Probleme, die Menschen vom Schritt in eine Psychotherapie abhält – sondern die Art, wie sie über ihre eigenen Bedürfnisse denken.
Auch wenn die RKI-Studie ausschließlich junge Erwachsene in den Blick nimmt – eine Altersgruppe, in der sich Belastungen oft früh verfestigen, wenn Unterstützung ausbleibt – zeigt sich in der therapeutischen Praxis, dass ähnliche Barrieren in allen Lebensphasen auftreten. Bei älteren Menschen können zudem Faktoren wie Isolation oder Einsamkeit zusätzliche Hürden darstellen, die das Aufsuchen von Hilfe erschweren. Hier können insbesondere Hausärzte oder Pflegekräfte eine wichtige Rolle spielen, frühe Veränderungen wahrzunehmen und unterstützend anzuregen.
Mutmacher
Zögern ist menschlich. Aber es muss nicht das letzte Wort haben.
Jeder Mensch hat das Recht, sich selbst ernst zu nehmen, gerade dann, wenn etwas schwerfällt. Psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, bedeutet nicht, gescheitert zu sein. Es bedeutet stattdessen, Verantwortung für sich zu übernehmen und ist Ausdruck von Selbstfürsorge und innerer Reife. Wenn man erkennt: „Ich muss das nicht allein tragen“ und beschließt: „Ich lasse mir helfen.“ Das ist stark und selbstwirksam.
Einige der Barrieren, welche die Studie beschreibt, entstehen aus alten Bildern von Stärke und Schwäche, aus Befürchtungen vor beschämender Bewertung oder aus inneren Stimmen, die klein halten wollen. Doch diese Stimmen besitzen keine Autorität. Sie erzählen nicht die Wahrheit über den Menschen, dem sie gerade zusetzen. Und wenn man es nicht zulässt, dann können sie auch nicht beeinflussen, wie das Leben weitergeht.
Wenn Sie spüren, dass etwas ins Rutschen geraten ist, wenn eine Belastung bleibt oder sich gar verstärkt, dann ist es klug und vernünftig, Unterstützung zu suchen. Es ist ein Zeichen für Klarheit und Autonomie: „Ich kümmere mich um mich. Ich warte nicht, bis es schlimmer wird. Ich erlaube mir, Hilfe anzunehmen.“
Wenn Sie Angehörige oder Freund sind, kann schon ein angebotenes offenes Gespräch darüber, dass Zögern normal ist, aber nicht schützen muss, eine wertvolle Stütze sein, um ins Tun zu kommen. Mut wächst oft dort, wo ein Mensch spürt: Ich werde gesehen und nicht bewertet. Kein inneres Stigma und keine äußere Meinung sind wichtiger als die eigene Lebensqualität.
Wenn Sie das Gefühl haben, ein erstes Gespräch könnte guttun, dann ist es genau jetzt ein guter Moment, den nächsten Schritt zu gehen. Das gilt übrigens nicht nur für junge Erwachsene, sondern für alle über die gesamte Lebensspanne.
© Jörg Hartig, 21.11.2025
Quelle: Robert Koch-Institut (2025). Barrieren der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Versorgung junger Erwachsener: Individuelle und regionale Einflussfaktoren. Journal of Health Monitoring 4/2025. https://kurzlinks.de/alqa
